Belchen³ – eine trinationale Rennrad-Challenge

Belchen³ – eine sportliche Herausforderung, die irgendwie auch mit Mythos und Mystik verbunden ist.

Was treibt eine Gruppe von Rennradfahrern an, sich morgens um halb fünf in Dunkelheit im Kurpark von Bad Krozingen zu treffen? Eine Reha-Maßnahme jedenfalls nicht. Es ist der Treffpunkt für die jährlich von Hirsch-Sprung ausgetragene Rennrad-Challenge mit dem klangvollen Namen Belchen³.

Belchen³? Belchen in der dritten Potenz – was hat es damit auf sich? Bisher wurde das Thema Potenz bei Radfahrern eher in eine deutlich andere Richtung diskutiert, die in diesem Beitrag nicht Thema sein wird – das gleich mal vorweg. Widmen wir uns also der tatsächlichen Bedeutung von „Belchen hoch drei“.

Im Dreiländereck D – CH – F finden sich mehrere Berge, die sich den gleichen Namen teilen. Auf deutscher Seite ist es der zum Schwarzwald zugehörige Belchen mit einer Höhe von 1.414 m.ü.N., welcher u.a. als beliebtes Wanderziel oder in der kalten Jahreszeit zum Wintersport herhält. Weiter südlich in der Nähe von Olten findet man den Schweizer Belchen, die Belchenflue (1.099 m.ü.N). Auf französischem Boden gibt es sogar drei Berge, die in der Übersetzung den Namen „Belchen“ enthalten: den Ballon d’Alsace (1.247 m.ü.N.), den Grand Ballon (1.424 m.ü.N.) und den Petit Ballon (1.272 m.ü.N.). Die jeweils höchsten Belchen ihres Landes bilden die Eckpunkte einer besonderen Radsport-Challenge: an einem Tag geht es über den Belchen (D), die Belchenflue (CH) und den Grand Ballon (F) – also Belchen³ (sprich „Belchen hoch drei“). Dass es sich um eine radsportliche Herausforderung handelt, machen die Parameter der Tour deutlich: ca. 320km und ca. 3.900 Höhenmeter gilt es an dem Tag zu bewältigen. Dies auch die Erklärung für den frühen Treffpunkt im Kurpark von Bad Krozingen als Start- und Zielort. Es ist ein langer Tag auf dem Rennrad zu erwarten.

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Kein Rennen, sondern ein trinationales Rennraderlebnis in der Gruppe mit professioneller Rundum-Betreuung durch das Hirsch-Sprung Logistikteam – das die Ankündigung des Veranstalters. Dass es sich nicht nur um ein leeres Versprechen handelt, zeigt schon das eigens für das Event kreierte Radtrikot in limitierter Auflage, welches man bei der Startunterlagenausgabe erhält: allein das Design ist schon die Anmeldung Wert (und war ehrlich gesagt auch mitunter der Auslöser, warum ich starkes Interesse an der Teilnahme hatte – neben der sportlichen Herausforderung natürlich). Dass ich mit meinem ausgesprochenen Interesse einen der Plätze als Guide zugesprochen bekam, war neben dem zugehörigen Respekt vor der Aufgabe mit einem tollen Gefühl der Anerkennung verbunden.

Belchen³ – der erste von drei Belchen

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Als einer von drei Guides in einer Gruppe von knapp 30 ambitionierten Hobbysportlern machten wir uns gegen kurz nach 5 Uhr auf den Weg ins Münstertal. Ausgerüstet mit Licht und Leuchtweste trotzten wir der Dunkelheit. Der hereinprasselnde Regenschauer vor dem Start hatte nicht wirklich zu Euphorie in der Gruppe geführt, aber die Grundstimmung war trotzdem ausgesprochen gut – positiv verrückte Radsportler eben.

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Das Wiedener Eck als Auffahrt zum Belchen ist auch ohne Abstecher zum Belchenhaus auf dem Gipfel eine lohnenswerte Route, die von Radsportlern gern in Angriff genommen wird. Unser Ziel war jedoch die Bergstation der Belchenbahn, wo der erste Verpflegungsposten eingerichtet war – inklusive Kaffee für die Seele. Leider hatten wir aufgrund der Witterung kein Glück mit einem tollen Sonnenaufgang, den es bei Wolkenfreiheit zu genießen gibt. Stattdessen schlüpften wir eilig in eine Radjacke, um uns für die kühle Abfahrt hinunter nach Schönau zu rüsten. Danach erwischten uns einige kurze Regenschauer, weswegen die Jacke bis zur nächsten Verpflegungsstelle in Diegten (Schweiz) immer mal wieder zum Einsatz kam.

Belchen³ – der zweite von drei Belchen

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Der Abzweig zur Belchenflue wirkt etwas unscheinbar. Direkt hinter dem Abfüllwerk der Mineralquelle Eptingen AG geht es rechts die Bölchenstrasse hinauf. Nach etwa 300 Metern signalisiert ein Schild mit der Aufschrift „15%“ die zu erwartende Steigung. Somit ist der Schweizer Belchen trotz der weniger Höhenmeter nicht unbedingt weniger anspruchsvoll als sein deutscher Nachbar. Gerade das letzte Teilstück hat es nochmal fies in sich und eignet sich ideal für einen knackigen Bergsprint – wobei es noch Körner für die weitere Strecke zu behalten gilt, da einem auf der Passhöhe noch um die 200km Fahrweg bevor stehen. Oben angekommen war ein Sammelpunkt eingerichtet, so dass jeder sein individuelles Bergtempo fahren konnte. Die letzten beiden Fahrer wurden mit Anfeuerungsrufen und La-Ola-Welle nach oben gepeitscht – Gänsehautstimmung wie bei einer Tour-Etappe.

Bis zur Mittagspause an der Dreiländerbrücke in Weil am Rhein ist der Streckenverlauf radfahrerfreundlich abfallend bzw. gegen Ende flach. Etwas eingebremst wurden wir lediglich durch die Vorbereitungen zur Bundesfeier in Basel, wo am Rhein einige Aufbauarbeiten für die Festlichkeiten im Gange waren – in diesem Jahr teilten sich beide Veranstaltungen mit dem 31.07. das gleiche Datum, wobei die Schweiz doch schon ein paar Jahre länger existiert.

Einen großen Teller Spaghetti später überquerten wir via Dreiländerbrücke die imaginäre Grenze zwischen Deutschland und Frankreich. Die Gruppengröße hatte sich hier leicht verändert, da vom Veranstalter die Möglichkeit zur geführten Verkürzung auf Belchen² und damit knapp 100km weniger Fahrweg ohne den „Umweg“ über den Grand Ballon angeboten wurde. Wirklich viele nutzten diesen „Service“ jedoch nicht – zu groß war die Vorfreude auf den geschichtsträchtigen Anstieg zum Grand Ballon und die Auszeichnung „Belchen³“ am Ende des Tages.

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Auch wenn sich der Weg nach Uffholtz über Altkirch zieht – in der Gruppe und mit Windschatten ist es dann doch recht kurzweilig. Zwischendurch hatten sich wegen unterschiedlicher Geschwindigkeitsvorstellungen bis zu drei Splittergruppen gebildet, was jedoch aufgrund der Anwesenheit von drei Guides kompensiert werden konnte. Gegen Ende des knapp 60km langen Transferstücks waren wir dann alle wieder vereint und nach einer Stärkung mit zahlreichen Stückchen Linzerkuchen ging’s in den ersten Anstieg.

Belchen³ – der finale Belchen

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Die Auffahrt zum Vieil Armand (elsässisch: Hartmannswillerkopf) lässt einem heutzutage zum Glück nur den Schweiß auf die Stirn treiben und die Beine ermüden. Während des Ersten Weltkriegs lieferten sich auf dem Bergsattel Franzosen und Deutsche einen erbitterten Kampf mit vielen Toten – ein geschichtsträchtiger Ort. Heute ist dort eine Gedenkstätte errichtet, die einen Besuch lohnt. Mit Wanderschuhen lässt sich hier die umkämpfte Zone erlaufen – mit Gänsehaut ist zu rechnen. Wohl dem, dass wir zwischenzeitlich von einer deutsch-französischen Freundschaft sprechen. Für eine Wanderung bleibt am heutigen Tag jedoch keine Zeit – der Grand Ballon ruft.

Vom Vieil Armand führt eine kurze Abfahrt zum Abzweig am Col Amic, welchen wir jedoch geradeaus in Richtung Grand Ballon passieren. Etwa 400 Höhenmeter sind es ab dort noch bis zur Passhöhe zu bewältigen – trotz der nicht fiesen Steigung eine echte Herausforderung für die schon recht müden Beine. Dass die Vogesen um den Grand Ballon auch Tour de France-Fahrern zusetzen können, musste schon Jan Ullrich leidvoll erfahren. Legendär ist Udo Bölts „quäl dich du Sau!“, was zwar nicht an diesem letzten Anstieg aber doch irgendwo hier in der Nähe in die Radsportgeschichte einging.

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Mit der Passhöhe vom Grand Ballon – nicht ganz mit dem Gipfel gleichzusetzen – war der letzte wirkliche Anstieg unserer Tour erreicht. Ab hier sollten nur noch ein paar Brücken für kurze Belastungsspitzen sorgen. Nach einer Stärkung mit Nutella-bestrichenem Butterzopf und Cola schlüpften wir in wärmere Kleidung für die lange Abfahrt nach Guebwiller. Bevor es auf das finale Teilstück ging, mussten noch Lampen montiert und die Leuchtweste angezogen werden. Der Sonnenuntergang stand kurz bevor und in Frankreich werden Vergehen gegen diese Auflage mit empfindlichen Bußgeldern geahndet. Nach einer „erfrischenden“ Abfahrt – die Temperatur auf der Passhöhe betrug um die 8°C – ging es in der Gruppe mit flottem Tempo  (für die hinteren Fahrer windschattengeschützt) in Richtung deutsch/französische Grenze. Ein traumhaft schöner Sonnenuntergang hinter uns über den französischen Vogesen ließ das miesepetrige Wetter vom Morgen vergessen, und so erreichten wir gut gelaunt das Ziel unserer Reise – den Kurpark von Bad Krozingen. Eva, Björn und ihre fleißigen Helfer von unterwegs erwarteten uns dort mit einem „gefährlichen“ Schluck „Belchengeist“ als Belohnung für die erfolgreiche Challenge – eine Urkunde gab’s noch obendrauf. Was jedoch sicherlich am längsten währt ist das Erlebte in der Gruppe und auf der Strecke – eine tolle Erfahrung, die lange Zeit in Erinnerung bleiben wird. Danke an das Team von Hirsch-Sprung für diesen speziellen Tag!

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Die Eckdaten zu Belchen³ laut Garmin Edge für die Statistiker:
312km // 4.200 Höhenmeter // Durschnittsgeschwindigkeit 24,6 km/h // Fahrzeit 12h 40min 30s // Durchschnitts-Temperatur 16,2°C

Hier gibt es noch die Strava Daten der Tour: https://www.strava.com/activities/660333781

Die Belchen-Mystik

Abschließend noch eine kurze Anmerkung auf die Frage, was es nun mit der angekündigten Mystik auf sich hat: im Zeitalter der Kelten, die als Namensgeber der Belchen-Berge gelten, wurden Zusammenhänge gefunden, die uns im heutigen Zeitalter von gps-Daten einfacher fallen und dennoch nicht weniger spektakulär sind. Verbindet man die Punkte zwischen Ballon d’Alsace, Belchen und Belchenflue mit Linien, so bildet sich ein rechtwinkliges Dreieck – das sogenannte Belchen-Dreieck. Es ist jedoch nicht nur ein rechtwinkliges Dreieck, sondern bildet zusammen mit dem Grand Ballon und dem Petit Ballon das Belchen-System, in welchem Zusammenhänge mit dem Sonnenverlauf gefunden wurden. Möglicherweise handelt es sich hier um einen keltischen Sonnenkalender, wobei dann die Mystik der Wissenschaft weicht.

Neben all der geschichtlichen Ereignisse und geheimnisvollen Zusammenhänge rund um den/die Belchen bleibt zu Belchen³ zusammenfassend also eins treffend zu sagen: Belchen³ ist gelebter Mythos und irgendwie auch Mystik zugleich.

Ronnie Weissenfeld

Vielen Dank an http://www.hirsch-sprung.com/ für die Fotos!

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2 Responses to Belchen³ – eine trinationale Rennrad-Challenge

  1. Kainersdorfer Stephan 3. Oktober 2016 at 09:47 #

    Gratuliere Allen, die diese schwere Tour absolviert haben. Das ist wirklich eine Hammer_Leistung. Mir genügt es bereits, wenn ich den Baselbieter Belchen von hinten oder von vorne befahre. Die geteerte Strasse führt ab Eptingen nur über den Kilchzimmersattel (966 m.ü.M). Von dort aus geht in östlicher Richtung ein Fussweg zur Belchenfluh. Dieser kann wohl nur mit dem MTB befahren werden. Dies nur zur Info und keineswegs als Schmälerung Eurer Leistungen

    Weiterhin unfallfreie Fahrt und viel Spass
    Stephan Kainersdorfer, Olten
    vom Velo Club Born Boningen
    http://www.vcborn.ch

    • Avatar of Ronnie Weißenfeld
      Ronnie Weißenfeld 6. Oktober 2016 at 09:17 #

      Thanx! Werde demnächst mal die Belchenfluh mit dem MTB unter die groben Stollen nehmen und den Weg antesten.
      Grüße, Ronnie